Selbstgespräch Nr. 21

  Ich 03

 Als ich vor Monaten bemerkte, dass sich meine Eigenwahrnehmung auf etwas absolut nebulös vertraut erscheinendes Neues ausrichtete, Falten und grau werdendes Haar im beschlagenen Spiegelbild mir einerlei waren, gesellte sich zu der voranschreitenden Gleichgültigkeit ein spannendes Gefühl der einseitigen Einsamkeit. Auch mit unverdünnten Mundwasser Konzentrat konnte ich den seltsamen Eigengeschmack dieser Neuerfahrung nicht aus dem Rachen gurgeln.

War ich selbst bislang für mich ein Verschollener unter den vielen von mir, so steigt die Erkenntnis auf, dass ich noch nie unter den vielen der meinigen weilte. Zum Verschollen sein muss man grundsätzlich wahrgenommen und somit existent sein. Hatte ich stetig versucht einer von jenen zu sein die ich so gerne verkörpert hätte, stehe ich nun nicht nur körperlich nackt und verloren vor mir. Ganz ohne Doppel- und Mehrfachgänger. Ich war wohl derjenige von den vielen der meinigen, der in die Ecke gespielt wurde und jedermann war, nur nicht ich. Halbherzigkeit, ich ahne warum ich scheiterte.

Ich war seit Kindheit an täglich keiner der vielen von jenen, die ich mir aus Bequemlichkeit und Angst vor Ablehnung aus einem großen inneren Fundus überstülpte. Nie war ich der eine von den meinen. Diese vielen gereichten zur oberflächlichen Anerkennung bei Eltern, Freunden bis und Unbekannt. Mir selbst traute ich anscheinend nicht über den Weg sowie nichts zu, ein einziges Rollenspiel. Jekyll und Hyde und die anderen Akteure gingen mir einfach so, ohne Anmoderation von hier auf jetzt von der Rolle.

Selbst wenn sie mir gestohlen wären, so erleichtert mich ein vages Gefühl, dass sie mir zukünftig auch gestohlen bleiben können. Ich hing wohl der verbreiteten Illusion am Haken, dass Reduktion und Klarheit nur in der modernen Kunst und bei Spitzenköchen die wichtigste Grundlage bei der öffentlichen Darstellung, der Gesellschaft und Garant für intellektuelle Kreditkarten Anerkennung seien. Da ich mich auf den einen der meinen nun reduziere, ist eine neue und glückliche wenn auch verunsichernde Erkenntnis. Es schwelt in mir, dass eine Basis für eine Neuordnung in dem Verlust der vielen in meiner Person liegen kann. Die Kunst ein Egoist zu sein ist wohl, die Geselligkeit die einem Sonderling widerfährt auch in der Einsamkeit zu finden.

Stets gut mit einem der vielen von mir getarnt, war ich nicht durchschaubar. Interessant zwar in der Konstruktion aber einem falsch zusammengebauten Regal ähnlicher als mir selbst und in seiner Gänze nicht tragfähig. In jungen Jahren gab die Schönheit und Verzweiflung ein schönes Paar ab. Im aufgestiegenen Altersspiegelbild wird mir langsam klar, dass kranke Dinge durch stetige Pflege darin gehalten werden. Die Gesundung muss irgendwo hinter dem Spiegel jahrzehntelang verborgen gewesen sein. Ich war derart von den vielen in mir eingenommen, dass ich jeden der einzelnen mit Du ansprach und deren vielfältige Charaktere als meine Emotionen eingestuft hatte. Doch auch für Emotionen konnte ich anscheinend noch nie das richtige Gefühl entwickeln. Ohne zu wissen wer ich eigentlich war, spielte ich je nach Situation und Bühnenbild den einen oder anderen von den meinen, im Glauben das sei ich.

Nun stehe ich in ausgeglichener Unsicherheit und schaue fasziniert, wie sich die Bestände meines Komödianten Stadels in Luft auflösen. Es scheint der Tag gekommen zu sein, an dem mein Papagei in mir seine eigenen Texte sprechen lernt. Ich beginne mich an den Gedanken zu gewöhnen, die Leere nur mit mir zu füllen. Selbst wenn der Neue zuweilen in noch uferlose Verlorenheit abdriftet, muss es nicht zwangsläufig pädagogische Ursachen haben, sage ich in mich hinein ohne auch nur ein einziges Wiederwort zu hören. Wie auch, sind doch die einst in mir Versammelten, deren Jahrzehnte lange Unterbringung mir plötzlich als völlig unklar erscheint, nur noch schemenhaft zu erkennen.

Wie turbulent und pathologisch rustikal muss es eigentlich damals in meiner innerhäutlichen WG zugegangen sein, frage ich mich. Die innere sturmfreie Bude ist nun angefüllt von verwirrend wohltuender Leere. Sehr weit entfernt, wenn auch nicht unbeteiligt, so wie Käse auf Toast Hawaii verschmilzt, hüte ich mich zu randalieren da mir die Sprachwortbildung, die Antwort und jegliches Argument ausgeht. Man benötigt zu sich selbst immer auch einen Ausgleich, wie beim Fußball. Wenigstens sollte man einen Punkt mitzunehmen.

Mich hat ein ungeschriebenes Gesetz ereilt, wonach den ausufernden Ausdrücken zuvor die passenden Eindrücke den Weg ins Innere gefunden haben müssen. Um gegen die Ansammlung der vielen von mir zu empfinden, muss ein verborgenes Einfühlungsvermögen sich Raum geschaffen haben. Es scheint, das sich als dann Abgründe auftun. Abgründe sind ihrem Wesen nach auch Gründe. Warum auch immer gerieten sie irgendwann leider in meiner frühsten Jugend in schlechte Gesellschaft. Ich kann mir noch nicht nachhaltig erklären wie alles war und ob es wahr wird, dass mit dem einen ohne die vielen. Ich kann nicht mal versichern, ob das Nachdenken nicht mit beiden Beinen mitten im Unvermögen steht. Immerhin ist auf das Denken scheinbar Verlass, auch wenn Verlass mit Verlassen eine enge Beziehung pflegt.

Es beruhigt mich ungemein, dass die Institution Gehirn anscheinend alles und jedes viel früher bemerkt als ich gedacht habe. Während ich noch probte mit wem von den meinen ich in die Öffentlichkeit treten wollte, war mein Gehirn schon dabei die Rollen zu streichen. Es war der Tag als mein Bauchgefühl offenbar im Gehirn saß. Schlagartig zeigte sich meine gesamte Unerfahrung mit mir, den meinen und grauen Zellen. Mir ging anscheinend viel zu viel verschluckt. War es bisher so, dass alles über mich zu wissen mir zu mächtig war, so beginne ich jetzt einiges von mir anzufassen und zu begreifen. Das reicht mir aus da ich vermute, dass auch halbe Sätze ganze Aussagen befördern können und Halbheiten immer Wege zum Ganzen eröffnen.

Zudem, in den freigewordenen Garderoben meiner abgeschminkten vielen, ich endlich Platz finde für regalhohe Melancholie. Den in hundert Kisten verpackten Humor, werde ich behalten. Auf das ich bald mit ihm wieder um mich treten werde. Forderte ich mal Helmpflicht für das Leben, so hat sich meine Sicht auf das Risiko lebendig zu sein grundlegend geändert. Spätestens als sich der Verband einer augenscheinlich schwersten Schädelverletzung bei näherem Vorbeilaufen als Kopfhörer entpuppte, habe ich begriffen warum hinter allem die entscheidende Frage steht:“ Darf es von dem Einem ein bisschen mehr sein?“

Was mich angeht – es darf.

Der Tom
19. Januar 2016

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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