Selbstgespräch Nr. 20 (Der Deutsche klebt …)

Ich 02
Alte Sammeltugenden leben in Deutschland wieder auf, so las ich gestern in einer Tageszeitung. Nicht das Horten von Zollstöcken und Bierdeckeln, sondern neben der Sammelleidenschaft von Treuepunkten beim Discounter und Freunden in öffentlichen Netzwerken, erlebt das Briefmarkensammeln eine neue und ungeahnte Renaissance.
 

Was bringt Menschen dazu diesem Hobby im Verborgenen mit Akribie und Lupe nachzugehen? Hinter Kilo schweren Alben und Nachschlagewerken sitzt der Sammler an einem Wind und Licht geschützten Ort hoch konzentriert und abgeschottet von Familie, Freunden und Umwelt. Warum tut der Mensch das? Ich glaube, dass für diese Sammler und Jäger ein mir verborgener Nervenkitzel zwischen Zacken, Pinzette und Stempel liegt.

Der Anstieg der Philatelisten kann sich nicht nur in der Leidenschaft zur Perfektion, sondern auch in einem nicht zu unterschätzenden Unfallrisiko begründen. Leben wir doch in einer Zeit, in der sich jeder zweite in Adventure Outfit und Trekkingboots seinen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt und Weg durch überfüllte Einkaufcenter freikämpft.  

Aus diesem Grund vermute ich, das sich der abgehärtete Einzelkämpfer im Schatten einer UV-Lampe durch den Nennwertdschungel gegen die bis an die Zähne bewaffneten kleinen Biester kämpft. Der Adrenalinpegel steigt mit jedem neuen Zacken. Verheerende Ritzwunden an den Fingern sind keine Seltenheit. Diese werden stolz auf einschlägigen Blogs beschrieben und mit schockierenden Bilden von vernarbten Kuppen und rissigen Fingernägeln gepostet. Der ein oder andere Unerschrockene brüstet sich sogar, an der Blauen Mauritius oder am sehr seltenen 1-Cent Fieber aus British Guiana lebensbedrohlich erkrankt zu sein.

Ich erinnere mich noch an die Schlagzeile „Er klebt nicht mehr“ der grammatikalisch stark verkürzten und somit beliebtesten Tageszeitung in unserem Land. Es war der 14. September 2014 als der Philatelisten Verband Mitteldeutschland in einer bewegenden Feier seinen Vorsitzenden Franz K. aus H. an der S. zu Grabe tragen musste. Trotz seiner ausgewiesenen großen Erfahrung und dem erweiterten Seepferdchen Diplom, ertrank er im Wasserzeichen einer Swaziland Marke King George V im Keller seines Hauses. Als Sperrgut mit Sondermarken Ornamentik wurde er in seiner Heimatstadt von hunderten Trauergästen und 450 Brieftauben aufgegeben.

Oftmals sind diese Sammler und Jäger nicht als solche zu erkennen. Es sind Angestellte. Beamte und Modelleisenbahner. Es sind allerdings Menschen die sich ohne speziellen Versicherungsschutz dieser Tätigkeit in ihrer Freizeit widmen. Unerschrocken nehmen sie fast täglich den Kampf mit der Widerspenstigen Zähnung auf. Wagemutig und übernächtig forschen sie im Netz der Fachliteratur ob es sich bei der gestern erworbenen Marke um einen Probedruck oder eine Druckprobe handelt oder sie beim Tauschen nicht vielleicht doch vorsätzlich getäuscht wurden. 

Der Deutsche hängt wieder an seiner Marke, wie die Fliege am Klebestrip über der Wursttheke beim Metzger, sagt die Zeitung. Jedoch ist er kein Held für das Geld. Er sammelt nicht des schnöden Mammons wegen. Es ist der Kitzel, dieses Kribbeln welches seinen Körper durchläuft Angesicht einer „Schwarzer Einser“ aus Bayern. Vergleichbar nur mit dem Gefühl, das beim cliff diving oder im Wartezimmer eines Zahnarztes entsteht.

Das Briefmarkensammeln war, ist und wird immer ein weißer Fleck auf der Landkarte meiner Erkenntnis bleiben. Aber ganz im Vertrauen, ich bin froh drum.

Der Tom
11. Dezember 2015

Hinterlasse eine Antwort