Charlottes Enkel

Hinten rechts in der winzigen Espressobar am Schillerplatz nippe ich stehend am besten Cappuccino dieser Stadt. Um mich herum englische, französische und deutsche Gesprächsfetzen ganz nah um mich herum. Wehre eine Frankfurter Allgemeine ab, die mir einen Wirtschaftsartikel über Finanzkrisen auf die Augen drücken will. Bluesiger Jazz verfängt sich in dem winzigen kleinen Raum, bleibt am Jugendstilleuchter hängen und tropft unaufdringlich herunter. Die hochglanzpolierte italienische Kaffeemaschine gibt die Backvokals und dampft vor Vergnügen. Ein `tartes aux pommes`, französischer Apfelkuchen, lässt mich mürbe und schwach werden. Und mit dem ersten zarten Kontakt sehe ich die Gassen von Ribeauvillé, das kleine Cafè von Mme Breton und die satten sanften Hänge der Vogesen.
„Excuse me“ holt mich sonor der untersetzte Brite vor mir, seinen Fuß von meinem Schuh nehmend, aus dem Elsass zurück. Ich schenke ihm ein Lächeln. Hier bin ich sehr gerne unter Menschen. Ein weiteres Mal wandert der Zuckerstreuer eine Runde durch elf Hände des eng stehenden romanisch sprechenden Mischvölkchens zu einem Kusmi Gunpowder Tea in der äußersten rot ledernen Fensterbankecke. Vor dem schlanken Raum hohen Fenster zur Außenwelt, dünner grauer Nieselregen. Vorbeihastende Schirm – und Taschenträger. Eine gelbe Straßenbahnwerbung „Kokon-Entspannungsbad mit Klangmassage…“, fährt mit der Linie 12 nach Striesen. Herden von rot-gelb-grüner Gas gebender Ungeduld im Designerblech, autotelefonieren, popeln in der Nase, stieren vor sich hin und her. Mir fallen Lemminge ein kurz bevor sie sich über das Blaue Wunder stürzen. Eine mir bekannte aber im Moment sehr ferne Welt.
Ein Nicken weiter. Der zweite lächelnd rübergereichte, mit filigraner Ornamentik verzierte göttliche Cappuccino im Tausch gegen leeren Tarteteller und ausgesaugter Tasse. Der Zucker beginnt seinen Slalom Hände reichend auf mich zu. An die mit bläulichen Pastellfarben bemalte und beschriftete Wand gelehnt, fasziniert vom langsamen Versinken des kleinen Zuckerhutes in der sämigen mittelbraunen Crema, das verzierende Herz mit in die Tiefen nehmend, begebe ich mich wehrlos erneut auf eine Kurzreise.
Das Star-Trek-Konzept Beamen funktioniert hier ohne Hightech. Ich bin wieder bei `Chez Francis` am Panthéon in Paris ein Stück Tarte abzuholen. Im `Folyes`, an einer Seitenstraße der Regent Street in London gelegen, die Financial Times durchblätternd, nur um die ruhige Gelassenheit smarter Engländer auf mich wirken zu lassen. Und kurze Zeit später erlebe ich bei `Fantini` in Mailand, zwischen zwei haselnussbraunen Espressi an verklebter Theke den emotional geladenen und gestikulierenden Start in den neuen Tag. Das Alles in einer knappen Stunde und für nur 5,80 Euro. Charlottes Enkel am Schillerplatz, ein Reisebüro der Sinne. Kleinster Raum für große Reisen und ganz viel Raum für kleine Fluchten.
Vor der schmalen Eingangstür, roll ich mich in meinen Mantel. Schlage den Kragen hoch und eine entspannte Gangart ein. Ich pfeife vor mich hin und auf Last-Minute. Lächelnd besteige ich den Bus und während ich das Ticket beim Fahrer löse fragt er:“ Wo war man denn im Urlaub“? „ Frankreich, England und noch Italien“. „Wohl mehrere Wochen“? „Knappe Stunde“, lächle ich zurück. Er nickt wortlos irritiert, schließt die Tür und gibt Gas. Das Kopfreisen in der kleinen Espressobar am Schiller ist zum Glück nicht Jedermann bekannt denke ich, noch mit dem Geschmack von Cappuccino und Tarte auf den Lippen.

Der Tom

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