Knoten im Taschentuch

„Kaum geboren erlöschen sie, meine Gedanken…“ so bleiern schwer begann das Gedicht das mir am ersten Tag des Jahres, am frühen Spätnachmittag,  von einem mir völlig zu Recht unbekannten Autor vor die hinter Glas gesperrten quellgeröteten Sehschlitze fiel.  Auf der Suche nach etwas, von dem ich ahnte das ich es bräuchte, aber ich mir noch nicht so richtig im Klaren war was ich so dringlich vermissen könnte, hielt ich dieses Gedichtheft in den tauben Fingern zwischen denen auch der Anlass meiner unsteten Suche klemmte, ein Taschentuch mit Knoten. Dieses Gefühl, diese Unruhe ermahnt zu sein etwas Wichtige suchen zu müssen, das was man unbedingt benötigt, eine absolut existentielle Frage ohne Zweifel,  aber ohne die Möglichkeit es verifizieren zu können. Warum sonst der Knoten in dem Nasenlumpen? Und man weiß: Auf keinen Fall brauchst du jetzt diese Selbsterfahrungsreime, die sich wie Kaugummi  melancholisch verramscht durch deine Pubertät zogen.
Dieser schwebende Zustand ist nicht nur quälend und zeitraubend, nein, es ist erschütternd.
„Du hast dich gestern super den ganzen Abend mit Maik unterhalten“ sagte meine geliebte langjährige Pflegerin, die bereitwillig meinem Gehirn hilft Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen vergangener Stunden, Tage und Nächte zu einem Gesamtbild zusammen zu setzen. Und zwar in weiser Voraussicht, auf die Andeutungen oder Anfragen von Freunden nach dem Befinden oder auch nach Inhalten von Gesprächen mancher feuchten Feierlichkeit sachlich und chronologisch richtig  parieren zu können. Eine koordinierende Seele ist da sehr hilfreich.  „Ihr habt euch  den ganzen Abend auf Englisch unterhalten.“  „So hab ich das?  – Den ganzen Abend? — Warum?“  „Er ist Engländer.“ Das war die kurze und erleuchtende Antwort, die mich nach dem Zufallen der Wohnungstür grübelnd zurückließ.
Unschlüssig und etwas neidisch der Agilität meiner besseren und wissenden Hälfte wegen, beschloss ich mich auf der Couch, zur Sortierung von im Nebel liegenden Erinnerung und einem ungestörten Zwiegespräch mit mir und meinen Taschentuchgedanken, hinzugeben.
Ist das Alter schon da? Oder kommt das erst noch? Und wenn, werde ich überhaupt so alt, dass ich das noch erlebe? Früher da konnte ich zielgenau steuern an wen und an was ich mich erinnern wollte. Selbst nach schwer durchzechten Nächten habe ich mit meinem Willen entschieden was   gespeichert wird und was der sofortigen Vergesslichkeit anheimfallen kann und auch besser sollte.
Doch der Wille ist verschwunden. Das ist so wenn das Alter die Tür aufmacht. Warum stehen in den Kirchen alte Männer und betteln:“ Dein Wille geschehe“ weil sie selbst keinen mehr haben, glauben sie.
Mein Gehirn, dieses Cheflabor, entscheidet auch ohne jegliche Absprache mit mir gänzlich losgelöst und frei. Ich bin quasi meinen Willen los. Dafür hab ich jetzt einen Knoten im Sabberlappen. Man kann am Gehirn rumschrauben und schneiden, weil man weiß wo es zu finden ist. Zumindest bei den Meisten unserer Gattung.  Aber wo der Wille im menschlichen Körper steckt, da suchen die Organforscher noch.  Selbst Pathologen in kaltgefliesten Räumen konnten keinerlei Hinweise auf die Existenz eines Willensorganes finden. Selbst in den dunkelsten Ecken der Maschine Mensch, dem Mast- oder Blinddarm zum Beispiel, fanden sich keinerlei Hinweise auf die Existenz eines Organes genannt Willen.
Das ist in keiner Weise beruhigend, schon gar nicht in Bezug auf Erinnerung und Alkoholverträglichkeit. Mit eisernem Willen ist man mit der einen Hälfte der am Tresen hängen blieb aufgestanden, die Elastizität der Beine nutzend um den Restalkohol nach Hause zu rollen. Wie gerädert auch immer. Ja da gab es noch das schmerzlich vermisste Organ.
Es geschieht mir immer öfter, dass die Zunge wenn sie den Kopf verlässt entweder zu schnell oder fransig daherkommt. Gemeinhin dann als Lalllappen bekannt spricht sie auch schon mal stundenlang Englisch. Meine hat sich sogar schon mal auf Spanisch mit einem gerade eingereisten Südkoreaner unterhalten. Außer Buenos Aires, fröhliche Ostern, kann ich kein Spanisch. Meine Begleitung konnte ihn aber überzeugen das Dresden in Deutschland liegt und er das richtige Ziel erreicht hat.
Immer öfter befördert die gelöste und freiarbeitende Zunge aber auch ein langgezogenes, Riesling trockenes „ Äh“ in die staunende Gesichtsfront des Gegenübers. Dazu kommt noch, dass sich im Alter viele Dinge nicht nur verändern sondern auch verdingsen. Namen werden immer häufiger nicht nur zu Schall und Rauch, nein, qualvolle Sekunden der Suche nach einer  Zuordnung der Verbalerkennung zu Gesichtsfragmenten schließen sich an. Peinlich wenn man sich seinen abendlichen Gesprächspartner am nächsten Tag als “Der Dingsda, der, du weißt schon — der mit dem Oberlippen-Melanom“ ins Bewusstsein rufen muss.
Hilfreich vielleicht, dass man nach einem beschwingt eingepegelten Abend von der versammelten Gesellschaft zumeist durch eine Generalamnestie oft in Schutzhaft genommen wird. Mit den Worten: „Der Tom hat sich gestern vergessen“  ist  alles gesagt und ins schwankende Lot gebracht. Einschränkend sei gesagt, bis jetzt  hab ich mich noch nie vergessen!
Ich komme immer gut nach Hause, treffe mich dort mit mir und sag:“ Schön das du auch schon da bist“. Wir entledigen uns dann gegenseitig stützend der störrischen Bekleidungsstücke und eines nach Außen drückenden pastösen Abfallprodukts. Legen uns  gemeinsam zu Bett, schnarchen den Rauputz glatt und wachen auch gemeinsam wieder auf. Peinlich wird aber der Moment, an dem man zum ersten Mal seinen eigenen Namen vergessen hat, weil der zwar schon zu Hause auf der Couch sitzt aber ein Taschentuch mit verknoteten Initialen in den leicht zitternden Händen hält. M.C.  auf einem von Flecken erstarrten Nasenflies. M.C. Fünfzehn Sekunden lähmende  Qual meinen Namen zu suchen und zu finden um endlich das erlösende Ergebnis zu haben. Nicht meine Namenskürzel. T.K. das sind die meinigen,  wie jene Geflügelkörperteilprodukte aus den surrenden Eissärgen der Discounter. Ist dieses Knotentuch des Engländers Visitenkarte? Wie hieß der gestrige Inselbewohner noch? C. wie Curtis? Doch nicht der Curtis der in „Manche mögens heiß“ der mit der …. M… der Dings… Monroe. Nein, beide haben schon vor Jahren ihr Zelluloidleben ausgeflimmert.
Mühsam mich erhebend, abwechselnd auf den Balkon und jenes britische `snot rag` starrend , im Gehirn Gedanken über das Herausziehen des Stöpsels auf einer Kanalinsel erschlagend, geht ich meinem Durst und, den Gedichtband ins Tuch gewickelt, dem Abfalleimer entgegen. „ Mein Wille geschehe“, noch einmal.

Eine Antwort zu “Knoten im Taschentuch”

  1. Karim sagt:

    Hi Wo ist denn der like Button? :-)

Hinterlasse eine Antwort